Es ist immer auch ein Balanceakt, wenn es um die Darstellung von Gesichtern in der Beautyfotografie geht. Natürlich sollen sie wirken, aber auch so makellos wie möglich – schließlich wollen die Top-Firmen ihre Produkte bestmöglich inszeniert sehen. Wir haben uns mit Natascha Lindemann, einer wahren Spezialistin unterhalten.

Natascha Lindemann im Interview
Feinheiten entscheiden, ab wann eine Beautyaufnahme ihre Natürlichkeit verliert und „überperfekt“ aussieht: Das Make-up darf nicht zu stark aufgetragen sein, das Licht muss stimmen und selbstverständlich darf auch bei der Bildbearbeitung nicht übertrieben werden. Nur wie gelingt das alles? Eine der Top-Beautyfotografinnen Deutschlands, Natascha Lindemann, gibt hier Einblicke in ihre Arbeitsweise.
DigitalPHOTO: Frau Lindemann, wenn Sie Ihren fotografischen Stil in einem Satz beschreiben müssten, wie würde der Satz lauten?
Natascha Lindemann: Als ich gerade mit meiner Arbeit als dokumentarische Familienfotografin begann, stand ich oft vor der Herausforderung, dass viele Menschen in Deutschland ein bestimmtes Bild von Familienfotografie im Kopf hatten. Sie dachten an gestellte Bilder, bei denen alle Familienmitglieder in die Kamera lächeln und eine perfekte Pose einnehmen. Das war oft das traditionelle Konzept von Familienfotos, das ihnen vertraut war.
Sie fotografieren Porträts bzw. Beautyaufnahmen. Wie sind Sie zu dem Genre gekommen?

In meinen ersten Gehversuchen als Fotografin habe ich fast jedes Genre der Fotografie versucht und dann gemerkt, dass ich es mag, die Bilder selbst zu gestalten und mich auch sehr für Haare und Make-up interessiere. Ich hatte auch Spaß daran, meine Models selbst zu stylen und dann zu fotografieren. Begonnen habe ich zuerst, Outdoor zu fotografieren, und erst als ich dort so weit alles konnte, habe ich mit der Beautyfotografie im Studio begonnen.
Können Sie uns etwas über die Bedeutung von Make-up in der Beautyfotografie – und speziell für Ihre Arbeit – erzählen?

Die Beautyfotografie, so wie ich sie interpretiere, ist Teamwork – eine Arbeit von Makeup-Artists, Hairstylisten, Models und mir als Fotografin. Jeder und jede bringt seine individuellen Fähigkeiten mit ein. Umso besser das Team, desto besser sind auch die Ergebnisse. Früher habe ich das Makeup teils selbst gemacht, vor allem in meinen Anfängen. Mittlerweile arbeite ich mit den besten Make-up-Künstler*innen der Welt zusammen, was ein total schönes Privileg für mich ist.
Wie interpretieren Sie Ihre Arbeit als Beautyfotografin – aus Sicht der Kunden?

Als Beautyfotografin bin ich dafür da, das Make-up-Produkt gut abzulichten oder die Arbeit der Make-up-Artist*innen in einem möglichst guten Licht zu zeigen.
Und wie beeinflusst die Wahl der Make-up-Produkte und -Techniken das Endergebnis einer Beauty-Aufnahme?
Es kommt immer darauf an, was man am Ende erreichen möchte. Das gewählte Produkt beeinflusst das Bild erheblich. Wenn ich zum Beispiel meine freien Shootings mache, mag ich es sehr gerne, wenn man eine Grundlage benutzt, die leichte bis mittlere Deckkraft hat und die Hautstruktur noch gut erkennen lässt.
Mir ist es dabei besonders wichtig, dass das Model nicht so viel Produkt auf der Haut hat, damit ich bei der Bildbearbeitung auch die Natürlichkeit noch bewahren kann, was meine Bilder ein Stück weit auch ausmacht. Welche Make-up-Produkte also verwendet werden, ist dafür sehr essenziell.
Wie ist es dann bei Aufträgen?

Da ist es meist andersrum, denn da geht es in der Regel um ein Produkt, das im Vordergrund steht. Als Fotografin ist es dann meine Arbeit, das Set und das Licht so aufzubauen, dass man dieses Produkt bestmöglich fotografieren kann.
Wie balancieren Sie die Feinabstimmung von Hauttextur und -ton aus, um eine ästhetisch ansprechende Darstellung zu erreichen, ohne das ursprüngliche Erscheinungsbild der Person zu verfälschen?
Es gibt viele unterschiedliche Farbtöne und Hautstrukturen in Gesichtern. Oftmals macht sich das zum Beispiel unter den Augen, bei den Wangen oder auch beim Mund bemerkbar. Da kann man natürlich einiges mit Make-up abdecken und ausgleichen. Kleinere Unregelmäßigkeiten werden zum Schluss in Photoshop nachbearbeitet, um das Gesamtbild harmonischer erscheinen zu lassen.

Anstatt zu viel Produkt auf die Haut zu geben, ist es mir dabei lieber, dass ich es danach in der Retusche ausgleiche. Rote Pickel werden meist also nicht extrem abgedeckt, sondern später in der Retusche weggemacht, damit die Hautstruktur im Gesamten besser erhalten bleibt.
Sie haben die Bildnachbearbeitung bereits angesprochen: Welche Empfehlungen haben Sie, um Hautunreinheiten oder Unebenheiten zu kaschieren?

Zuerst bearbeite ich die Bilder in CaptureOne und mache dort das Color Grading. Danach beginne ich in Photoshop mit der Retusche. Der erste Schritt ist es, das Gesicht mit dem Stempel-Werkzeug zu reinigen. Dabei zoome ich an die Stellen, die ich retuschieren möchte, nah heran.
Es ist wichtig, genau zu arbeiten und zu schauen, welche Hautstruktur rund um diese Stelle ist, damit man wirklich nur die gleiche Hautstruktur nimmt und so keine verschwommenen Flecken bekommt. Die Deckkraft des Stempel-Tools habe ich dabei auf 100 Prozent gestellt und mit den Kanten spiele ich je nach Struktur.
Wie balancieren Sie die Retusche, um die natürliche Schönheit zu bewahren?
Kleine Unperfektheiten wie feine Fältchen unter den Augen oder rote Adern in den Augen versuche ich immer dort zu lassen, da es sonst zu künstlich wirkt. Viele retuschieren auch diese natürlichen Kleinigkeiten in der Nachbearbeitung, aus diesem Grund behalten meine Bilder trotz einer Retusche noch eine gewisse Natürlichkeit.
Manche Menschen bevorzugen einen „No Make-up“- oder natürlichen Look. Wie gehen Sie damit um, um die Persönlichkeit des Modells zu respektieren, während Sie gleichzeitig Ihre eigene fotografische Ästhetik beibehalten?


Hauptsächlich betreibe ich Werbefotografie für Beauty-Aufträge. Man muss natürlich immer unterscheiden zwischen Models und sogenannten Influencern. Meist werden die Looks und Produkte von den Firmen bereits vorgegeben und von den Models präsentiert. Es geht um die Wünsche und Produkte des Kunden und nicht um eine bestimmte Person.
Wird aber eine Influencerin für den Job gebucht, werden auch ihre Wünsche miteinbezogen, da man diese Person nicht anders darstellen möchte, als ihre Community sie kennt. Entscheidet man sich für einen absolut natürlichen Look ohne Make-up, kann ich auch damit umgehen und tolle Bilder machen.
Welche Rolle spielt das Licht in Ihrer Arbeit?
Ich arbeite sehr viel im Studio. Wenn ich aber hin und wieder freie Sachen mache, dann shoote ich auch gerne mal meine Beauty-Bilder Outdoor, da es mir auch total viel Spaß macht. Make-up und Licht sind immer ein Zusammenspiel. Zuerst schaue ich immer, was für einen Look ich habe und entscheide danach erst das Licht.
Ein Haupt-Lichtset-up, das ich meistens verwende, habe ich gar nicht. Ich habe viele verschiedene Set-ups, die ich je nach Look und Mood nehme. Grundsätzlich bin ich ein Fan von eher härterem Licht. Für den Anfang empfehle ich aber eine Softbox mit weichem Licht, da es einfach mehr verzeiht und leichter für die Retusche ist.
Für welche Kunden arbeiten Sie?

Ich habe bereits für viele internationale Kundinnen und Kunden gearbeitet, wie Kylie Skin, Douglas, Mac Cosmetics, Sephora, Dyson, DM-Drogeriemarkt und Natascha Denona. Oft arbeite ich auch für Influencer und Celebrities und fotografiere deren eigene Make-up-Linie oder Kooperationen. Bekannte Gesichter waren zum Beispiel Loredana, Bebe Rexha, Farina Opoku, Noor Stara, Meryem Uzerli, Rebecca Mir und Catherine Paiz.
Was sind Ihre Kameraeinstellungen?
Zu diesen Einstellungen mache ich auch gerne Videos für meine Follower und habe bereits einige auf TikTok dazu hochgeladen. Häufig shoote ich mit einer Blende zwischen 13 und 23 für eine crispy Schärfe. Es kommt darauf an, wie nah ich am Gesicht bin. Je näher ich bin, desto höher wähle ich meine Blendenzahl. Wenn ich im Studio mit Blitz fotografiere, nehme ich eine Verschlusszeit von 1/160 Sekunde und ISO 100.
Welchen Rat würden Sie all jenen geben, die sich gerade erst am Anfang ihrer Porträt-Beautyfotografie befinden?
Ich würde immer empfehlen, sich auf eine Nische zu spezialisieren und dahingehend das eigene Portfolio aufzubauen. Natürlich ist es dann auch wichtig, Marketing zu betreiben und zu versuchen, ein Netzwerk mit Leuten, die Relevanz im jeweiligen Bereich haben, aufzubauen.
Mein Haupt-Marketingkanal war Social Media. Durch tägliches Posten und Aktivität kann man sich eine enorme Reichweite aufbauen. Der Rest ist Durchhaltevermögen, nicht ablenken lassen und einfach immer weitermachen.

Nach ihrem Studium der Soziologie mit Schwerpunkt Marketing in Göttingen und Innsbruck begann Natascha Lindemann 2014 mit der Fotografie. Seit 2016 spezialisiert sie sich auf die Beautyfotografie. Lindemanns Schwerpunkte liegen vor allem in den Bereichen Make-up und Hautpflege. Sie ist heute in Berlin ansässig, aber weltweit für Make-up- und Beauty-Brands tätig. Ihre Social-Media-Kanäle zählen mehrere Hunderttausend Fans.
nataschalindemann.de | Instagram: @natascha.lindemann