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„Mir geht es darum, das authentische Familienleben einzufangen, ohne Manipulation oder Regieanweisungen.“ – Marcia Friese im Interview

Marcia Friese begleitet Familien in intimen Situationen wie der Geburt, aber auch im Alltag dokumentiert sie das Leben von Menschen. Dabei schafft sie es, jene besonderen Momente festzuhalten, die für immer in Erinnerung bleiben.

Fotografin Marcia Friese im Interview 

Es gibt viele unterschiedliche Herangehensweisen, Familien zu porträtieren. Die einen inszenieren Porträts im Studio, andere vereinbaren ein Gruppenbild im Park. Marcia Friese geht einen Schritt weiter.

Sie lässt die Inszenierung außen vor und zeigt und dokumentiert Familien so authentisch wie möglich – in Unterhose, beim Stillen, ungeschminkt. Wir haben uns mit der Fotografin über ihre Herangehensweise unterhalten und erfahren, dass ein Umdenken nötig war, um so zu arbeiten, wie sie es heute tut.

DigitalPHOTO: Wenn Sie heute auf Ihre Anfänge zurückblicken: Welchen Herausforderungen begegneten Sie damals?

Marcia Friese: Als ich gerade mit meiner Arbeit als dokumentarische Familienfotografin begann, stand ich oft vor der Herausforderung, dass viele Menschen in Deutschland ein bestimmtes Bild von Familienfotografie im Kopf hatten. Sie dachten an gestellte Bilder, bei denen alle Familienmitglieder in die Kamera lächeln und eine perfekte Pose einnehmen. Das war oft das traditionelle Konzept von Familienfotos, das ihnen vertraut war.

Das hat sich mit der Zeit geändert?

Ich habe mit der Zeit festgestellt, dass viele Menschen sich eigentlich genau das wünschen, was die dokumentarische Familienfotografie bietet. Sie möchten natürliche und authentische Bilder, die ihren Alltag und ihre Erinnerungen widerspiegeln.

Daher ist es für uns als dokumentarische Familienfotografen von großer Bedeutung, unsere Kunden vor dem Fotoshooting über unseren Ansatz und unsere Arbeitsweise aufzuklären. Wir müssen erklären, warum wir keine gestellten Bilder machen, sondern echte Momente einfangen möchten.

Wie definieren Sie Ihre Art der Fotografie?

Anders als bei inszenierten Shootings geht es hier nicht darum, eine perfekte Fassade zu präsentieren, sondern darum, das authentische Familienleben einzufangen, ohne Manipulation oder Regieanweisungen.

Ich folge den ethischen Grundregeln der Reportagefotografie und halte mich strikt daran, nichts wegzunehmen oder hinzuzufügen. Das Wahre, das Echte festzuhalten, ist die Grundlage meiner Arbeit.

Haben Sie ein Beispiel für uns?

Ich erkläre das Prinzip gerne anhand der Geburtsfotografie. Hier kann ich auch nicht sagen: „Können Sie das bitte noch einmal machen?“ Deswegen ist das so ein gutes Beispiel. Es geht mir genau darum, das Echte festzuhalten, zu dokumentieren.

Wie wichtig ist es für Sie, die individuelle Persönlichkeit und Dynamik einer Familie in Ihren Bildern einzufangen?

Was mich in Bildern berührt, ist, wenn ich das Gefühl habe, ich kann ein wenig in die Seele der abgebildeten Person blicken. Ich kann ihre Gefühle lesen, ich kann sehen, wie geliebt, getrauert, gelacht wird. Wie Trost gespendet, Mitleid empfunden wird. Wie zwei Menschen gerade Eltern werden und wie ich in ihren Gesichtern erkenne, dass sie gerade dabei sind, es zu begreifen.

Das sind Dinge, die sind für mich weltbewegend! Wenn ich dagegen eine Idee für ein Foto habe und diese Idee inszeniere, wird es doch am Ende so sein, dass man diesem Bild vor allem meine Vision ansehen wird. Man sieht, ob ich als Künstlerin wollte, dass die Familie lächelt, und wie gut ich es geschafft habe, dass sie das auch „authentisch“ tun. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich verurteile das nicht im Geringsten. Es ist einfach ein anderes Genre.

4 Profi-Tipps für die Familienfotografie

1. Finden Sie heraus, ob Ihnen die inszenierte oder die dokumentarische Familienfotografie mehr liegt. Möchten Sie auf das Geschehen gezielt Einfluss nehmen, dann sollten Sie eher nicht dokumentarisch arbeiten, denn …

2. … in der authentischen (bzw. dokumentarischen) Fotografie nimmt sich der Fotograf, die Fotografin zurück und beobachtet das Geschehen. Momente werden festgehalten.

3. Um überhaupt das Vertrauen der Kundinnen und Kunden zu gewinnen, sind viele Vorgespräche notwendig. Erklären Sie hier genau, wie Sie arbeiten und zeigen Sie im besten Fall bereits eigens erstellte Dokumentationen.

4. In der dokumentarischen (Familien-)Fotografie ist zusätzliches Kunst-/Blitzlicht unangebracht. Setzen Sie daher lieber auf lichtstarke Festbrennweiten und moderne Kameras mit gutem Rauschverhalten. Scheuen Sie keine hohen ISO-Werte. Diese machen Ihre Bilder sogar noch authentischer.

Was machen Sie, wenn sich Familien vor der Kamera unsicher fühlen?

Das ist eine Herausforderung, der wir uns als dokumentarische Familienfotografen oft stellen müssen. Eine der Schlüsselkomponenten liegt jedoch bereits in der Vorbereitung auf das Fotoshooting. Wenn wir unseren Kunden im Vorfeld erklären, wie wir arbeiten und was sie von einer dokumentarischen Familienfotografie erwarten können, können wir bereits Ängste und Unsicherheiten mindern.

Wir können ihnen vermitteln, dass es bei dieser Art der Fotografie nicht darum geht, perfekte Posen einzunehmen oder in die Kamera zu lächeln, sondern einfach sie selbst zu sein. Und auch eine Verbindung und Vertrauen können wir gut schon im Vorhinein aufbauen.

Gibt es bestimmte Orte oder Umgebungen, die Sie für Familienfotos bevorzugen?

Oh, definitiv! Bei der Auswahl des Ortes für Familienfotoshootings ist es wichtig, dass der Ort eine Bedeutung für die Familie hat. Es geht darum, einen Platz zu finden, der ihre Persönlichkeit, ihre Geschichten und ihre Beziehungen widerspiegelt.

Wie das Zuhause der Familie?

Genau das ist eine meiner bevorzugten Optionen. Das eigene Zuhause ist ein intimer Ort, an dem sich die Familie natürlich am wohlsten fühlt und ganz authentisch sein kann. Hier gibt es so viele Dinge, die eine Geschichte über die Familie erzählen: die gemütliche Leseecke, das Chaos im Kinderzimmer oder der liebevoll gestaltete Garten.

Diese Details verleihen den Fotos eine zusätzliche Tiefe. Es können beliebte Spielplätze, Parks oder andere besondere Orte sein, an denen die Familie gemeinsam Zeit verbringt und schöne Erinnerungen schafft.

Wie unterstützen Sie Familien bei der Auswahl von Kleidung und Posen?

Wenn jemand Fragen zur Kleidung stellt, ist das für mich ein Hinweis darauf, dass ich möglicherweise nicht klar genug kommuniziert habe, wie ich arbeite. Ich nutze diese Gelegenheit, um zu erklären, dass es bei der dokumentarischen Familienfotografie darum geht, authentische Erinnerungen einzufangen, die über die Wahl der Kleidung hinausgehen, dass es darum geht, wie sie sich fühlen, und nicht, wie sie aussehen.

Und wie gesagt, Posen gibt es nicht. Stattdessen beobachte ich die natürlichen Interaktionen und den spielerischen Austausch innerhalb der Familie. Es geht darum, den Familienmitgliedern Raum zu geben, sie selbst zu sein und die Magie ihrer Beziehungen einzufangen.

In Ihrem Portfolio finden sich u. a. auch Blumenstillleben. Was hat es damit auf sich?

Tatsächlich fotografiere ich nicht nur Familien, sondern auch für andere Kundinnen und Kunden. Ein Bereich, der mich besonders inspiriert und begeistert, ist die Fotografie von Business-Reportagen nachhaltiger Gründerinnen, Handwerkerinnen und Künstlerinnen.

Hier habe ich das Privileg, außergewöhnliche Frauen zu begleiten, die mit ihren Ideen und ihrem Business die Welt ein Stückchen besser machen. Ein Beispiel ist Malin Lüth, eine Blumengärtnerin, die nachhaltig angebaute Blumen kultiviert. Ich begleite sie seit ihrer Gründung und dokumentiere ihre Arbeit und den Jahresverlauf auf ihrem Blumenfeld.

Es ist faszinierend zu sehen, wie sie mit Leidenschaft und wirklicher Hingabe wunderschöne und ethisch vertretbare Blumen hervorbringt.

Lassen Sie uns noch auf Ihre Kameraausrüstung eingehen. Welche Kamera nutzen Sie?

Weil ich nicht blitze oder mit künstlichem Licht arbeite, sondern immer mit dem Licht arbeite, was vorhanden ist, ist es für mich wichtig, eine lichtstarke Ausrüstung zu haben. Momentan arbeite ich mit der Sony Alpha 7 IV und den Festbrennweiten FE 50mm F1.2 GM, das wirklich fantastisch lichtstark ist, und dem FE 24mm F1.4 GM.

Vielleicht können Sie auch noch kurz darüber sprechen, welche Blende, Belichtungszeiten etc. Sie einsetzen und warum?

Ich arbeite gern mit einem sehr kleinen Schärfebereich. Tatsächlich nutze ich gar nicht so selten eine Blende von f/1,2 und f/1,4. Ich mag es, wenn nicht zu viel Information auf einem Bild ist. Ich finde, da überfordert die moderne digitale Technik das Auge. Vielleicht ist es sogar eine Unentschlossenheit, wenn alles überall scharf ist.

Die Belichtungszeit variiert. Einzig eine Regel habe ich, nämlich, dass ich mit Kindern, die sich bewegen, meist über 1/250 Sekunde bleibe, damit ich keine Bewegungsunschärfe im Bild habe. Meinetwegen können dabei die ISO-Werte sehr hoch sein, das stört mich nicht.

Welche Rolle spielt die Bildbearbeitung bei Ihren Fotos? Welches Programm nutzen Sie?

Ich wollte gerade sagen, keine große. Aber das stimmt vermutlich nicht. Was ich damit meine, ist, meine Bilder sind nicht sehr stark bearbeitet, aber dennoch sehe ich die Bildauswahl und die Bildbearbeitung als gleichwertigen Teil der künstlerischen Arbeit und würde ein RAW nicht als mein fertiges Bild bezeichnen. Ich bearbeite mit Adobe Lightroom.

Erklären Sie uns zum Schluss noch, was Sie mit Ihren wirklich besonderen Familienfotos aussagen möchten?

Ich möchte nicht nur individuelle Geschichten erzählen, sondern auch einen Beitrag zur gesellschaftlichen Vielfalt leisten. Ich glaube fest daran, dass das Private politisch ist und dass die Art und Weise, wie wir Familien darstellen, die öffentliche Wahrnehmung und das Verständnis von Familie beeinflussen kann.

Das müssen Sie uns näher erläutern.

Durch die Darstellung unterschiedlicher Lebensrealitäten, sei es in Bezug auf Geburtsformen, Trauerarten, verschiedene Familienformen oder Diversität, möchte ich dazu beitragen, bestehende Vorurteile und Stereotypen zu hinterfragen und aufzubrechen. Ich möchte dazu ermutigen, dass jede Familie in ihrer Einzigartigkeit und Individualität wertgeschätzt und respektiert wird.

Indem ich Familien in ihrer ganzen Vielfalt porträtiere, trage ich dazu bei, dass verschiedene Lebensweisen und Familienformen sichtbar und akzeptiert werden. Ich möchte einen Raum schaffen, in dem sich Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen repräsentiert fühlen und in dem sie sich mit den dargestellten Familien identifizieren können.

Was macht Ihrer Meinung nach ein Familienfoto einzigartig und unvergesslich?

Ich vermute, es sind die Dinge, die wir erst sehr viel später in ihnen sehen. Als meine Mutter gestorben ist, haben die Bilder und was ich in ihnen gesucht habe, eine ganz neue Bedeutung bekommen. Ich versuche, Bilder zu machen, in denen man später genau diese Dinge findet.

Erzählen Sie uns vielleicht noch von einem besonderen Moment, den Sie während einer Fotosession erlebt haben?

Einen Moment herauszulösen, ist tatsächlich nicht einfach. Die Geburten und der Tod – das sind auf jeden Fall die Momente, die für mich am bewegendsten und beeindruckendsten sind, die mich zutiefst und nachhaltig prägen. Doch, ein Moment fällt mir ein! Meine letzte Geburtsreportage.

Ich kam nachts in die Wohnung. Die Mama lag im Kerzenschein im Geburtspool in ihrem Wohnzimmer, ihr Mann neben ihr, das Geschwisterkind schlief im Nebenzimmer und die Hebamme war noch nicht da. Ich hörte schon beim Hereinkommen, dass es nicht mehr lang gehen würde. Das Kind war nach wenigen Wehen geboren und der Vater hatte es unter Wasser in Empfang genommen und der Mutter auf die Brust gelegt.

Und es war so normal, so friedlich, so wunderschön, wie diese drei sich in aller Ruhe im Kerzenschein in ihrem Wohnzimmer kennengelernt haben. Als die Hebamme später klingelte, hörte ich nur, wie der Papa an der Tür sagte: „Überraschung!“

Marcia Friese

Marcia Friese ist eine preisgekrönte Fotografin mit Schwerpunkt auf dokumentarischer Familienfotografie und Geburtsfotografie. Ihr besonderes Interesse gilt der Darstellung von natürlichen und diversen Familienrollenbildern in den Medien.

Als zertifizierte Geburtsfotografin von „Birth Becomes Her“ setzt sie sich für eine positive Veränderung in der Geburtshilfe ein. Zusammen mit Chiara Doveri bietet Marcia Friese seit einigen Jahren Workshops für angehende Fotografinnen an und begleitet sie bei ihrem beruflichen Werdegang.

Instagram: @chiara_und_marcia_fotografie | @marcia_friese_worte_und_bilder

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