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„In der Streetfotografie gibt es zwei Strategien: das Jagen und das Angeln. Ich bin eher ein Jäger.“ – Jonas Grauel im Interview

Ihre Blütezeit erlebte die Streetfotografie in den 50er-Jahren. Heute erfährt das Genre ein Wiederaufleben. Wir haben uns mit Jonas Grauel unterhalten. Der Streetfotograf erklärt, worauf er bei seinen Streifzügen besonders achtet.

Jonas Grauel im Interview

Wenn Jonas Grauel durch die Straßen einer Stadt zieht, hält er mit seiner Kamera flüchtige Momente und zufällige Begegnungen fest. Als Streetfotograf dokumentiert er das Leben auf der Straße. Er findet Motive, an denen die meisten von uns vorübergehen würden.

DigitalPHOTO: Herr Grauel, würden Sie sagen, dass zu Ihrer Art des Fotografierens der Kinderspiel-Satz passt: „Ich sehe was, was du nicht siehst?“

Jonas Grauel: Ja, das könnte man sicher so sagen. Es macht mir viel Freude, mit offenen Augen durch die Straßen zu laufen und Überraschendes zu entdecken. Besonders gefallen mir visuelle Zufälle, bei denen im Bild verschiedene Elemente zusammenkommen, zwischen denen sich ein unvorhergesehener Bezug ergibt.

Tatsächlich entdeckt man bei Ihnen eine ganz eigene Handschrift: Schattenspiele sieht man viel – auch Humorvolles. Wonach suchen Sie, wenn Sie fotografieren?

Es gibt eine ganze Reihe an Motiven, die das Potenzial haben, einem Bild das gewisse Extra zu verleihen. Das können zum Beispiel Luftballonbündel sein, Schaufensterpuppen, Kostüme, extravagante Kleidung oder Hüte, Schmuck, Werbeplakate oder -schilder, Hände mit Tattoos, Ketten und Ringen, Reflexionen und vieles mehr.

Auch bestimmte Situationen geben etwas her, wie wenn Möbel oder Spiegel durch die Gegend getragen werden – das kann auf dem Foto mitunter so wirken, als würde das Regal selbst laufen. Skurril sind auch alte Plakate, bei denen Gesichter mitten durchgerissen sind und man nur noch ein Auge und den halben Mund sieht.

Was genau reizt Sie eigentlich an der Streetfotografie?

Es gibt mehrere Aspekte: Zunächst reizt mich die Spontaneität und die überraschenden Momente. Es ist wie bei Forrest Gump mit seiner Schachtel Pralinen: Man weiß nie, was man bekommt. Inhaltlich interessiert es mich, unser Leben im öffentlichen Raum zu dokumentieren. Und dann gibt es noch den grafisch-formalen Aspekt:

Wie ist ein gutes Bild aufgebaut? Wie erzeugt man durch das Spiel mit Licht, Schatten, Linien und Farben eine gute Komposition? Auch die verschiedenen Milieus in unserer Gesellschaft sind ein spannendes Thema. Das spielt aber eher im Hintergrund eine Rolle, und ich würde meine fotografische Arbeit jetzt nicht als politisch, sondern eher als beobachtend einordnen.

Gibt es bestimmte Orte oder Städte, die für Sie besonders inspirierend sind, wenn es um Streetfotografie geht?

In einer ganz neuen, unbekannten Stadt loszuziehen, ist immer inspirierend. In den letzten Jahren habe ich unter anderem in New York, London, Tel Aviv, Bangkok, Paris und Havanna fotografiert.

Die jeweiligen kulturellen Eigenheiten, besondere Farben, Kleidungsstile und Architekturen zu erkunden, ist sehr spannend. Gleichzeitig wird aber unterschätzt, wie produktiv es ist, in der eigenen Heimatstadt zu fotografieren. Das Auge ist nicht so überfordert durch neue Eindrücke und dadurch fallen einem dann oft besondere Details auf.

Welche ist Ihre Heimatstadt?

Düsseldorf. Und ich werde hier immer wieder inspiriert. Das Zentrum ist sehr modern und urban und hat, insbesondere an der Kreuzung von „Kö“ und Schadowstraße, ein Flair, das auf Fotos fast ein bisschen wie New York wirken kann. Und die Kö (geläufige Abkürzung für Königsallee, Anm. d. Red.) ist einfach unschlagbar, wenn man sich für extravagante Menschen, teure Mode und die etwas speziellen Blüten des exklusiven Shoppings interessiert.

Nicht alle Menschen möchten gerne fotografiert werden. Wie schaffen Sie Vertrauen?

Vertrauen kann man schaffen, indem man sich ganz auf sich selbst und die Fotografie konzentriert. Dann kommt bei den Menschen an: „Der weiß, was er macht. Das ist ein Profi. Der interessiert sich nicht speziell für mich.“ Eine andere Möglichkeit ist es, einer Person, die man fotografiert hat, nach einem Foto freundlich zuzunicken und zu lächeln. Dann bekommt man meist ein implizites Einverständnis.

Wenn ich beispielsweise ein spontanes Porträt machen möchte, gehe ich natürlich auch auf Menschen, die mich interessieren, zu und unterhalte mich ein bisschen und frage, ob ich sie fotografieren darf. Sehr selten kommt es vor, dass eine Person mich anspricht und möchte, dass ich das Bild lösche. Das mache ich dann auch.

Lassen Sie uns noch einmal auf die Spontanität bei Streetfotos eingehen. Die Fotoikone Elliott Erwitt saß laut eigenen Angaben mitunter stundenlang auf einer Parkbank und wartete, bis ihm das passende Motiv vor die Füße lief – machen Sie das auch?

In der Streetfotografie gibt es zwei Strategien: das Jagen und das Angeln. Elliott Erwitt war mit dieser Vorgehensweise ein typischer Angler. Er sitzt lange an einem Platz und wartet, bis die Beute anbeißt – beziehungsweise bis das passende Motiv in seinem Sucher auftaucht. Ich bin dagegen eher ein Jäger. Beim Fotografieren laufe ich viel herum, um möglichst viel zu sehen und so die Chance zu erhöhen, ein gutes Motiv zu finden.

Zwischendurch bleibe ich ein paar Minuten stehen, wenn ich zum Beispiel einen vielversprechenden Hintergrund sehe, bei dem nur noch ein entscheidendes Detail fehlt. Ich bin ehrlich gesagt zu ungeduldig, um wie Erwitt über Stunden auf das perfekte Bild zu warten.

Mit welcher Ausrüstung sind Sie unterwegs?

Inzwischen ist die Ricoh GR III, mit 28mm-Festbrennweite, meine ständige Begleiterin. Ich bin Fan der GR-Reihe und habe zuvor lange die Ricoh GR von 2014 genutzt. Für mich muss eine gute Street-Kamera vor allem klein, handlich und leicht sein – und trotzdem eine sehr gute Bildqualität haben.

Das liefert die Ricoh. Bei größeren Kameras habe ich immer wieder festgestellt, dass ich sie zu Hause lasse und mich dann später ärgere. Die Ricoh kann man gut mit einer Hand bedienen und dadurch das Framing sehr schnell anpassen. Man kann gut von weit oben oder von unten fotografieren, das erzeugt interessante Perspektiven.

Ein Manko ist, dass die Kamera keinen Sucher hat und man bei Sonne auf dem Display manchmal nur wenig erkennt. Zur Abwechslung nutze ich manchmal die Fujifilm X-Pro3 – hier wird man durch den abgedeckten Rückbildschirm geradezu gezwungen, den Sucher zu nutzen, was einen ganz anderen Blick zur Folge hat.

Was macht ein gutes Streetfoto aus?

Der Kern ist die Authentizität. Die wichtigste Regel der Streetfotografie lautet ja, dass nichts arrangiert wird. Viele Motive aus dem Genre könnte man ja im Prinzip auch stellen, aber die Künstlichkeit würde man sehen. Starke Streetfotos bilden echte, ungestellte Alltagsmomente ab, die aber durch die fotografische Gestaltung eine andere Wirkung bekommen.

Es reicht natürlich nicht, irgendetwas Beliebiges zu fotografieren. Die Bildkomposition, das Motiv, der Hintergrund und das Licht müssen ja trotzdem noch stimmen. Und weil es relativ schwierig ist, all das in einem ungestellten Foto zusammenzubringen, wirken gute Streetfotos oft verblüffend.

Zum Schluss die Frage: Kann man Streetfotografie lernen oder gibt es den besonderen Blick, den man hat oder eben nicht?

Ich würde schon sagen, dass der eigene Blick eine Rolle spielt, aber man kann auch sehr viel lernen und den Blick schulen. 2017 habe ich an einem Workshop bei dem bekannten Hamburger Streetfotografen Siegfried Hansen teilgenommen, das hat mein Sehen und mein Vorgehen geprägt. Auch der Austausch mit Gleichgesinnten ist wichtig.

In Düsseldorf habe ich mit Bruno Trematore, Nathan Goldenzweig, Arne Beierlorzer, Meera Nerurkar und David Shokouhbeen das Kollektiv frame.d gegründet. Wir haben letztes Jahr unsere erste Ausstellung organisiert und durch den Austausch über das Konzept, die Bildauswahl, die Rahmung und die Hängung habe ich viel gelernt.

Daher wäre mein Rat an Anfänger, sich mit anderen zusammenzutun, neben den Lerneffekten macht es so auch einfach mehr Spaß.

Der Fotograf

Der Düsseldorfer Jonas Grauel arbeitet hauptberuflich als Projektleiter im Verbraucherschutz. Daneben ist er freier Fotograf mit Schwerpunkt auf Straßen- und Porträtfotografie. Er ist Gründungsmitglied des Düsseldorfer Streetfotografie-Kollektivs „frame.d“, hat seine Fotos in internationalen Magazinen publiziert und mehrfach ausgestellt.

www.streetomania.de | Instagram: @streetomania | Instagram: @frame.d_collective

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