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KI-Künstler Peter Gress im Gespräch: Wird die Porträtfotografie aussterben?

Gerade in der Werbung sind wir seit jeher Manipulationen ausgesetzt. Bildbearbeitungen sind heute die Regel und selbstverständlich. Doch bei komplett künstlich generierten Bildern sind die Bedenken noch einmal deutlich höher. Warum eigentlich? Das fragen wir Peter Gress.

Interview mit KI-Künstler Peter Gress

Wir stecken mitten in einer Zeitenwende. Künstlich generierte Bilder lassen sich heute einfacher erstellen als je zuvor, spezielle Programme machen es möglich.

Ethische Fragen werden aufgeworfen – und es wird gefragt, wie KI die Arbeit von Fotografinnen und Fotografen beeinflusst. Wir haben uns mit einem KI-Künstler der ersten Stunde unterhalten – darüber, wie er Bilder erstellt und wie die Zukunft von KI aussehen könnte.

DigitalPHOTO: Künstliche Intelligenz ist in aller Munde – wie sind Sie auf das Thema aufmerksam geworden?

Peter Gress: Ich muss da vielleicht etwas weiter ausholen: Ich bin Friseurunternehmer, habe aber meinen Betrieb mit 16 Mitarbeitern Mitte letzten Jahres verkauft. Das heißt: Ich komme nicht aus der Fotografie. Allerdings habe ich in den 80er-Jahren lange als Hairstylist für Fotoshootings von Frauenzeitschriften wie Brigitte, Freundin, Petra etc. gearbeitet.

Damals noch analog mit Polaroids für Licht, Position und Ausdruck. Das hat mich geprägt und ich bin tiefer in die Fotografie eingestiegen, habe aber nie über den privaten Gebrauch hinaus selbst fotografiert.

Wann entwickelte sich Ihr Interesse an der Erstellung KI-generierter Bilder?

Am 30.11.2022 wurde ChatGPT geboren. Am 12.12.2022 habe ich meinen ersten Text mit dem Bot geschrieben, was mich sehr beeindruckt hat. Das war eine ganz neue Ersterfahrung, wie ich sie schon lange nicht mehr gemacht habe. Richtig los ging es aber erst mit Midjourney (KI-Generator zur Erstellung von Bildern, Anm. d. Redaktion), denn Bilder sind das, was wir als visuell geprägter Beruf unbedingt brauchen.

Man muss ständig etwas Neues machen und das hat mir Midjourney ab Weihnachten 2022 ermöglicht. Ich habe mich richtig reingekniet und wochenlang Tutorials angeschaut und selbst experimentiert.

Vielleicht können Sie kurz erklären, wie Sie vorgehen. Welche Begriffe nutzen Sie?

Ich arbeite ausschließlich mit Midjourney, aktuell in der Version 6. Es gibt viele textbasierte Bildgeneratoren, aber keiner ist so realistisch wie Midjourney. Ich bin derzeit ausschließlich an der Darstellung von Menschen interessiert, deshalb brauche ich Midjourney.

In Midjourney Version 6 kann ich nun Fließtext und durch Punkte getrennte Tokens für meine Prompts verwenden. Hier ein Beispiel: /imagine Cool dressed long legged beautiful woman with yellow high heels. Full body shot. She walks through a black and white crowd. Photo in the style of Ellen Unwerth with blurred background, daylight.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie die ersten brauchbaren Resultate hatten?

Ich habe in den ersten Wochen etwa 2000 Bilder produziert. 80 Prozent davon konnte ich nicht verwenden. Heute, nach knapp einem Jahr, hat sich das Verhältnis umgekehrt. 80 Prozent der Bilder sind verwendbar, aber es steigen auch meine Ansprüche.

Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?

Wie bereits erwähnt, interessiere ich mich für die Darstellung von Menschen, vor allem von Frauen. Das bringt meine Arbeit mit sich. Im Salon hatte ich einen Frauenanteil von 90 Prozent und im Perücken-Kompetenzzentrum liegt der Frauenanteil bei 99 Prozent.

Mein Ziel ist es, Haare, Augenbrauen, Haut, Hände und Füße so naturgetreu wie möglich darzustellen. Das sind die Schwächen von Midjourney – auch noch in der Version 6, obwohl die größten Fortschritte bei der Haut und der Reflexion in den Augen gemacht wurden. Ich mag meine Arbeiten elegant, opulent, manchmal auch hässlich – aber bitte immer mit Stil.

Wie nutzen Sie die Bilder heute?

Ab Ende Januar 2023 habe ich die generierten Bilder für mein Marketing auf Plattformen wie Google My Business, Instagram und Facebook eingesetzt. Reels und Stories lassen sich mit KI-generierten Bildern wirklich sehr einfach produzieren. Ab Mitte 2023 haben wir dann das gesamte Marketing für unser Perückenkompetenzzentrum auf KI-Bilder umgestellt.

Was sind die größten Herausforderungen bei der Erstellung von KI-Bildern?

Ganz klar das Verständnis, wie die KI gerade interpretiert. Sie lernt ständig dazu. Was gestern noch nicht funktioniert hat, kann morgen schon klappen. Als Anwender kenne ich die Textbeschreibungen zu den Trainingsbildern nicht. Außerdem ist Midjourney in amerikanischem Englisch gebrieft.

Ich bin aber kein Muttersprachler, auch wenn ich einige Jahre in den USA gelebt habe. Die Bedeutung von Wörtern und Sätzen ist oft mehrdeutig und bedeutet in verschiedenen Situationen etwas ganz anderes als die direkte Übersetzung.

Komplexe Prompts lasse ich deshalb von DeepL übersetzen, das klappt ganz gut. Vor allem für Leute, die nicht so gut Englisch sprechen, ist das ein effektiver Weg, um zu guten Ergebnissen zu kommen.

Nicht alle sind KI gegenüber positiv gestimmt. Wie gehen Sie mit ethischen Fragen im Zusammenhang mit der Verwendung von KI um?

Der ethische Aspekt liegt für mich eher in der Art und Weise, wie mit denjenigen umgegangen wird, die die Grundlagen für die künstliche Intelligenz schaffen. Ihre Arbeit wird nicht wirklich gewürdigt, aber sie dient als Grundlage für Leute wie mich, die sie für ihre Marketing- und Unterhaltungszwecke nutzen.

Man muss abwarten, wie die neue KI-Verordnung der EU in ihrer endgültigen Fassung aussieht. Bis dahin habe ich keine ethischen Bedenken bei KI-generierten Porträts.

Bekommen Sie auch Kritik zu hören?

Es gibt Vorbehalte von Kollegen, die wenig Erfahrung mit KI haben: „Ich habe die Bilder nicht selbst gemacht, damit kann ich nicht werben.“ Dabei haben Friseure in den vergangenen Jahrzehnten ohne Bedenken kostenlose Plakate ihrer Industriepartner aufgehängt. Schließlich haben sie die Frisuren nicht selbst gemacht.

Lob gibt es von zukunftsorientierten Friseuren, die in KI das Potenzial sehen, mit ihrer ohnehin knappen Zeit und ihrem Kapital effizienter umzugehen. In meinen Gesprächen habe ich die Erfahrung gemacht, dass diejenigen, die am wenigsten über KI wissen, am lautesten dagegen sind. Sie haben Angst, als Fachkraft durch KI ersetzt zu werden. Dabei geht es doch nur darum, die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.

Wird die Porträtfotografie aussterben?

Nein, die Porträtfotografie wird nicht aussterben, da bin ich mir sicher. Es wird immer einen Bedarf an kreativen Dienstleistungen zwischen Menschen geben. Das liegt einfach daran, dass Menschen soziale Wesen sind, die gerne zusammenarbeiten und sich austauschen.

Menschliche Kreativität ist echte schöpferische Kreativität, die wir immer brauchen werden. Die KI hingegen tut, was ich brauche, und darüber hinaus ist sie mir völlig egal. Sie hilft mir, meine Ideen umzusetzen, aber ich bin mir immer bewusst, dass sie eine ziemlich dumme Maschine ist, zwar unschlagbar in der Mustererkennung, aber eben nur reproduktiv.

Nur Menschen können den Gemütszustand und das Wesen oder die Seele eines anderen Menschen erfassen.

Wohin geht Ihrer Meinung nach die Reise? Was wird in Zukunft alles möglich sein?

Sehr schwierige Frage! Ich kann nicht sagen, was alles möglich sein wird. Ich kann nicht einmal sagen, wie viel unsichtbare KI mich umgibt, die mir das Leben erleichtert oder mich transparenter macht.

Ich konzentriere mich auf das, was ich brauche, und freue mich, wenn die KI-Technologie wieder einen Quantensprung macht. Wir werden auf jeden Fall immer mehr personalisierte Angebote sehen, weil die Auswertung von Big Data erst mit KI so richtig in Fahrt kommt.

Über Peter Gress

Als gelernter Friseur eröffnete Peter Gress 1986 seinen ersten eigenen Friseurbetrieb in Esslingen und arbeitete als Hairstylist bei TV- und Fotoproduktionen und für Zeitschriften. Er war u. a. Fachtrainer für die Marke Schwarzkopf, Business-Trainer für Aveda und Speaker zu den Themen Ausbildung und Personalentwicklung.

Außerdem ist er sozial engagiert und wurde 2008 Sieger beim LEA-Mittelstandspreis für soziale Verantwortung in Baden-Württemberg. Seit Ende 2022 beschäftigt er sich intensiv mit der Erstellung KI-generierter Bilder.

Instagram: @peterfgress

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