News

„Viele Nebel sind um ein Vielfaches größer als der Mond an unserem Nachthimmel.“ – Sophie Paulin im Interview

Der Nachthimmel bietet für Sophie Paulin unendliche Motive – sei es vom Erdmond, von weit entfernten Planeten oder von galaktischen Nebeln. Von ihrem Garten aus hat die Augsburgerin sogar einen Nebel entdeckt, der bislang nicht katalogisiert war und nun ihren Namen trägt.

Sophie Paulin im Interview: Blick in die Sterne 

Das Weltall – unendliche Weiten – unendlich viele Motive. Die meisten von uns sehen beim Blick in den Nachthimmel allerdings nicht viel mehr als unzählige leuchtende Punkte – wenn wir überhaupt etwas sehen, Stichwort: Lichtverschmutzung. Wir durften uns mit einer Expertin auf dem Gebiet der Astrofotografie unterhalten. Ihre faszinierenden Einblicke lassen uns den Sternenhimmel von einer ganz neuen Seite sehen.

DigitalPHOTO: Frau Paulin, verraten Sie uns mehr über Ihre Faszination für die Astrologie?

Sophie Paulin: Fasziniert hat mich die Welt da draußen schon immer, vermutlich durch meinen Opa, als ich noch ganz klein war. In der Schule dann gehörte Astrophysik auch zu meinen besten Fächern. Nach dem Abitur habe ich auch kurz mit dem Gedanken gespielt, Astrophysik zu studieren.

Wann kam die Fotografie ins Spiel?

Der Einstieg in die Astrofotografie kam witzigerweise durch meinen Hund Spotty. Denn er war der Grund, dass ich mir eine Spiegelreflexkamera gekauft habe, um Bilder und Videos von seinen 200 Tricks zu machen. Dann bin ich immer mehr in die Fotografie eingetaucht und durch Zufall auf einen Artikel gestoßen, der ein Bild der Andromedagalaxie zeigte, welches mit genau so einem 200mm-Objektiv, wie ich es hatte, aufgenommen wurde.

Sie wollten auch so etwas fotografieren?

Ich habe wie verrückt recherchiert, wie so etwas möglich ist, und das bei der nächsten klaren Nacht ausprobiert. Die Andromeda auf dem Display meiner Kamera zum ersten Mal zu sehen, war ein Gefühl, das ich nie wieder vergessen werde und was mich heute noch so sehr an dieses Hobby fesselt. 

Sprechen wir eigentlich von Himmelskörpern, die Sie fotografieren?

Tatsächlich fotografiere ich so ziemlich alles, was möglich ist: Planeten, die Sonne, auch die Internationale Raumstation ISS, Nebel, Galaxien, Kometen, den Mond, die Milchstraße, Sternschnuppen …

Gestatten Sie die Nachfrage: Was genau sind solche Nebel im All?

Nebel sind Gas- und Staubansammlungen im All. Davon gibt es viele unterschiedliche Typen. Die wohl faszinierendsten sind leuchtende Emissionsnebel. Durch zum Beispiel sehr energetische Sterne werden Teilchen in einer Gaswolke angeregt, welche dann wiederum Licht in bestimmten Wellenlängen aussenden.

Die Wasserstoffteilchen leuchten hauptsächlich im tiefen Rot, der Sauerstoff grün. Und so kommen dann die bunten Bilder zustande, von denen man gar nicht erwarten würde, dass sie tatsächlich echt sind.

Was braucht es an Technik, um Ihre Art der Astrofotografie zu betreiben?

Angefangen habe ich mit einer ganz normalen DSLR und lichtstarken Objektiven. Weitwinkelobjektive eignen sich für die Milchstraße und Sternschnuppenbilder und Teleobjektive für Galaxien, Nebel und den Mond. Aber dabei ist es natürlich nicht geblieben. Zuerst habe ich mir einen Star Tracker gekauft.

Dieser ermöglicht Langzeitbelichtungen mit Teleobjektiven, da sonst schon nach wenigen Sekunden die Sterne durch die Erdrotation verwischen. Meiner Kamera habe ich eine Astromodifikation verpasst – dazu wird der Sperrfilter, der das Infrarotlicht und auch einen großen Anteil des roten Lichts der Wasserstoffteilchen blockiert, ausgebaut und ersetzt.

Und womit fotografieren Sie heute?

Durch den Einstieg in die Berufstätigkeit als Softwareentwicklerin konnte ich mir endlich mein erstes richtiges Teleskop kaufen. Da war schon klar, dass ich dieses Hobby nicht so bald aufgeben würde, also musste was Großes her:

ein Newtonteleskop mit 900mm Brennweite und 200 mm Öffnung (TS ONTC 8" f4.5) auf einer großen Montierung (iOptron CEM70) und einer speziellen gekühlten Astrokamera (ZWO ASI2600mc). Dieses Teleskop war dann jede klare Nacht im Einsatz und hat die meisten meiner Astrobilder aufgenommen.

Was sind die größten Herausforderungen in der Astrofotografie?

Die bisher größte Herausforderung war für mich damals, herauszufinden, wie genau ich die Spiegel und Komponenten meines Newtonteleskops ausrichten muss, dass die Sterne bis in die Ecken scharf sind.

Denn nicht nur die Spiegel müssen aufeinander abgestimmt sein, auch der Fokuser muss gerade sein, die Adapter müssen perfekt ineinander greifen, der Kamerasensor darf nicht verkippt sein und der Abstand von Sensor zur Korrektorlinse muss auf den Millimeter passen.

Und es muss wolkenlos sein, oder?

Ja, das muss es – und da klare Nächte aber für meine aktuellen Projekte in Deutschland so selten sind, habe ich seit Anfang des Jahres ein ferngesteuertes Teleskop in Spanien und werde im Dezember dieses Jahres auch eins in Namibia installieren.

Das müssen Sie uns näher erläutern?

Mein aktuelles Projekt ist die Remotesternwarte in Namibia. Zusammen mit zwei Freunden haben wir uns ein Traumteleskop-Set-up zusammengestellt, welches wir dort in einer gemieteten Sternwarte betreiben möchten. Mitte Dezember fliegen wir dorthin. An diesem Standort können wir all die neuen Objekte der Südhalbkugel unter absolut dunklem Himmel in vielen klaren Nächten fotografieren.

Wo in Europa finden Sie die Gebiete, die Sie für Ihre Fotografie bevorzugen?

Am liebsten bin ich in den Alpen zur Astrofotografie. Das Bergpanorama zusammen mit dem dunklen Nachthimmel, fernab von Städten, ist einfach unschlagbar. Meistens stelle ich mir mein Teleskop aber einfach im Garten auf und fotografiere von dort aus – immer wenn es klar ist.

Aber wenn ich mit den Objektiven etwas aufnehmen möchte, fahre ich weg von den Städten und suche die Dunkelheit der Natur. Um dunkle Orte zu finden, sehe ich zum Beispiel auf Seiten wie lightpollutionmap.info. Wichtig ist auch, dass gerade kein Mond scheint, da der den Himmel genau so erleuchtet wie die Lampen in einer großen Stadt.

Welche Rolle spielen astronomische Daten und Beobachtungen bei Ihrer Vorbereitung?

Astronomische Objekte sind nicht immer und überall sichtbar. Zur Planung von Fotos suche ich nach den Koordinaten, um herauszufinden, ob und wann ich ein Objekt am besten fotografieren kann. Für meine Suche nach neuen Objekten helfen mir professionelle Stern- und Objektkataloge sowie einige Übersichtskarten von professionellen Teleskopen.

Gibt es spezielle Himmelskörper, die Sie besonders faszinieren?

Ich kann sagen, dass mich eigentlich alle faszinieren. Aber aktuell bin ich ziemlich fasziniert von einem Nebel, den ich selbst entdeckt habe. Der trägt den offiziellen Namen KinPauObjekt-1. Am Nachthimmel ist dieser etwa so groß wie der Mond, aber aktuell fehlen noch Daten, um herauszufinden, worum es sich dabei handelt. Vielleicht die Überreste einer Supernova-Explosion?

Daran direkt die Anschlussfrage: Haben Sie jemals während Ihrer Astrofotografie unerwartete Entdeckungen gemacht oder ungewöhnliche Phänomene beobachtet, die Sie mit uns teilen möchten?

Der verrückteste Moment war vermutlich, als ich meinen ersten Nebel entdeckt hab. Dieser war zuvor in keinen Katalogen bekannt und nun trägt er meinen Namen. Ich hätte wirklich nie gedacht, dass es möglich ist, als Amateur aus seinem Garten einen neuen Nebel zu entdecken.

Was war das bislang spannendste Ereignis, das Sie fotografiert haben?

Super spannend waren meine Ausflüge auf die Berggipfel. Anfang des Jahres fuhr ich nach St. Antönien, Schweiz, um Komet ZTF zu fotografieren. Dort in eisiger Kälte mit Objektiv und Teleskop gleichzeitig den Kometen zu fotografieren, war wirklich eine Herausforderung. Im August folgte der zweite besondere Ausflug auf das Fellhorn.

Dort hab ich die Sternschnuppen fotografiert. Und im September folgte das dritte Abenteuer dieses Jahr: Einen Tag, nachdem ich mein neues Teleskop bekommen habe, nahm ich es mit auf die Edelweißspitze, da zu dieser Zeit perfekte atmosphärische Bedingungen für die Planetenfotografie herrschten. Die Nacht dort oben zu verbringen, war unglaublich.

Wie gelingt es Ihnen, Details und Farben in den Nebeln zu betonen und gleichzeitig die Lichtverschmutzung zu minimieren?

Die Lichtverschmutzung ist meist ein Gradient im Bild. Es gibt Bearbeitungsprogramme, die diesen Verlauf ermitteln und abziehen können. Die Funktion wird meistens als Background-Extraction bezeichnet.

Um die Farben originalgetreu darzustellen, verwende ich das Tool „Spektrophotometric Color Calibration“. Da werden die Sternfarben in meinen Bildern mit den hinterlegten Daten aus Sternkatalogen verglichen und die Farbbalance entsprechend angepasst.

Haben Sie Technik-Empfehlungen für uns?

Wer sich für Bilder von Galaxien und Nebel interessiert, sollte unbedingt mit einer Spiegelreflex- oder spiegellosen Kamera arbeiten und mit lichtstarkem Objektiv und einem Star Tracker anfangen. Ein Teleskop braucht eine teure Montierung und das alles auf einmal zu lernen ist meiner Meinung nach für den Anfang ganz schön viel.

Viele Nebel sind um ein Vielfaches größer als der Mond an unserem Nachthimmel. Objektive mit 135mm oder 200mm Brennweite sind absolut ausreichend, um schöne Bilder von diesen Objekten einzufangen.

Wie sieht es mit Software etc. aus?

Für den Einstieg empfehle ich persönlich das kostenlose Programm Siril. Das bietet bereits eine ganze Menge an Funktionen zum Stacking und der Bildbearbeitung von Astrofotos an. Ich selbst habe Siril eine ganze Weile genutzt, bis ich auf kostenpflichtige Programme wie Astropixel-Processor und Pixinsight umgestiegen bin. Aber auch mit Photoshop kommt man in der Regel schon sehr weit.

Die Fotografin

Sophie Paulin (24) lebt in Bobingen bei Augsburg, umgeben von Hunden und Pferden. Tatsächlich war es ihr Hund, Australian Shepherd „Spotty“, der sie zur Fotografie gebracht hat, denn sie wollte dessen Tricks fotografisch festhalten.

Ein Artikel im Internet weckte schließlich Paulins Interesse an der Astrofotografie. Heute gibt Paulin ihr umfangreiches Wissen auf ihrem YouTube-Kanal weiter, der hauptsächlich auf Einsteigerinnen und Einsteiger zugeschnitten ist.

www.lechfeld-fotografie.de | youtube.com/@sophie_paulin

Mehr zum Thema