News

„Unsere Touren fühlen sich sehr locker und frei an, was ein Maximum an Kreativität fördert.“ – Andreas Böttger im Interview

Andreas Böttger und sein Team von go2know bieten Fototouren an verschiedenen Standorten in Deutschland an. Damit tragen sie dazu bei, dass die Erinnerungen an die verlassenen Orte lebendig gehalten werden, während Fotofans die Gelände für Shootings nutzen können – für Bilder mit besonderer Atmosphäre.

Andreas Böttger im Interview: Lost Places

Es sind Orte, bei denen es uns mitunter kalt den Rücken runterläuft: verlassene Nervenheilanstalten, stillgelegte Gefängnisse, leer stehende Villen. Gleichzeitig üben sogenannte Lost Places eine kaum greifbare Faszination aus – gerade auf Fotofans.

Diese Orte erzählen Geschichten von einer Zeit, deren Erinnerungen langsam zu verblassen beginnen. Das Team von go2know bietet Fototouren durch eben solche Lost Places an und sorgt für einen legalen, sicheren und informativen Zugang zu diesen Orten. Wir haben uns mit Andreas Böttger, einem der Gründer von go2know, unterhalten und in Erfahrung gebracht, was Fotografierende an diesen verlorenen Plätzen begeistert und wie die Touren organisiert sind.

DigitalPHOTO: Herr Böttger, können Sie sich an Ihren ersten Lost Place erinnern?

Andreas Böttger: Nach unserer Gründung haben wir fast zeitgleich die drei Fototouren in den wundervollen Beelitzer Heilstätten, in der alten Heilstätte am Grabowsee und in der verlassenen Fleischfabrik der Konsum-Genossenschaft Berlin ins Programm genommen. Wir kannten diese Locations aus einer Zeit, die lange vor go2know lag.

Bereits 1992 schlichen wir uns in die Großbaustellen Berlins. Mit der Zeit war die Liste der besuchten Objekte echt lang geworden. Zudem hatten wir zahlreiche Geschichten zu den Lost Places recherchiert und Zeitzeugen befragt. Unser Wunsch, diese Locations mit ihren traumhaft schönen Fotomotiven und den tollen Anekdoten legal begehbar zu machen, wuchs immer mehr, sodass wir 2010 schließlich go2know gründeten.

Wie finden Sie heute neue Lost Places?

Es gilt, verschiedene Wege in Erfahrung zu bringen, welche Objekte es gibt, wo sie sich befinden und wie man die Betretungsgenehmigungen bekommt. Anfangs kannten wir die Orte aus unseren vielen Exkursionen, vom Geocaching und aus Online-Foren.

Heute haben wir ein breites Netzwerk an Fotografen, Historikern, Vereinen, Touristenverbänden, Landesentwicklungsgesellschaften, Development- Unternehmen, Immobilienverwaltern und Agenturen. Auch bekommen wir immer mal wieder Tipps und Anregungen von Tourteilnehmern oder Freunden.

Erweitern Sie Ihr Lost-Place-Angebot?

Lost Places kommen und gehen. Das ist eine ständige Dynamik. Regelmäßig nehmen wir neue Orte ins Programm auf. Wir haben inzwischen an fast 50 Locations Fototouren gemacht. Die meisten dieser Touren bieten wir schon gar nicht mehr an. Die Objekte haben sich entweder weiterentwickelt oder wurden verkauft.

Die meisten Locations sind Immobilien oder Grundstücke, für die eine zukünftige Nutzung vorgesehen ist. Das ist auch der Grund dafür, dass wir die Tour-Termine nicht allzu lange im Voraus planen können.

Ich kann daher nur empfehlen, die aktuellen Touren nicht auf die lange Bank zu schieben. Viele sagen sich sonst: Hätte ich das mal gemacht. Diese Motive wird man nach einer Sanierung des Ortes nie wieder bekommen.

Wie verläuft eine Tour in der Regel ab?

Immer, wenn wir einen Lost Place besuchen, verspüren wir diese ganz besondere Atmosphäre, die diese Orte ausstrahlen. Es ist unser höchster Anspruch, dieses Gefühl auch auf unseren Touren erlebbar zu machen. Daher ist es uns wichtig, dass es keine geschlossenen Gruppen gibt und jeder Teilnehmer der Tour den Ort vom Keller bis zum Dach ganz alleine erkunden und mit viel Zeit in Ruhe fotografieren kann.

Am Anfang einer Tour machen wir einen Check-in und eine kurze Sicherheitsbelehrung. Dann erzählen wir zur Einstimmung die schönsten Geschichten des Ortes. Im Anschluss kann jeder losziehen und die Location auf eigene Faust entdecken.

Unsere Guides halten sich dann immer an präsenten Stellen auf oder gehen gezielt auf die Teilnehmer zu, um weitere Anekdoten individuell zu vermitteln, bei der Fotografie zu unterstützen oder die Orte der noch nicht gefundenen Motive zu erklären. Die Touren fühlen sich sehr locker und frei an. Das fördert ein Maximum an Kreativität.

Wem gehören eigentlich die Lost Places?

Grundsätzlich kann man sagen, dass jeder Ort immer irgendwie jemandem gehört. Und wenn es am Ende die Gemeinde oder das Land ist. Die meisten Orte sind tatsächlich in Privatbesitz.

Mit dem Eigentümer einer Location gehen wir dann ein vertragliches Verhältnis ein, mieten die Location für die Tour an und sichern unsere Teilnehmer mit einer guten Haftpflichtversicherung ab. Ein Teil der Tourbeiträge fließt somit direkt an die Eigentümer und trägt oft zum Erhalt der Location bei.

Was sind Ihre außergewöhnlichsten Touren?

Viele Teilnehmer werden äußerst kreativ auf den Touren. Einige machen Modelshootings und rücken mit Kostümen, Stylistin und Licht-Equipment an. Andere fliegen mit der Drohne oder fotografieren durch Glaskugeln, durch besondere Filter oder mit Spezial-Objektiven.

Besonders beliebt sind Lightpaintings in den dunklen Bereichen oder HDR-Aufnahmen. Für Tage außerhalb der regulären Tour-Termine bekommen wir oft Anfragen von Geisterjägern, die eine Nacht am Ort verbringen wollen, und Filmleuten, die Musikvideos oder Filmsequenzen aufnehmen möchten.

Auch das Fernsehen fragt sehr oft für Reportagen und Dokus an. Hier helfen wir gerne als Experten für die Orte aus. 

Haben Sie eine Hauptzielgruppe?

Am Alter lässt sich das weniger messen. Vielmehr sind es die verschiedenen Interessen, die alle miteinander verbinden. Die Teilnehmer unserer Fototouren haben ein sehr ausgeprägtes ästhetisches Empfinden, lieben Bilder, Fotografien, aber auch Filme, interessieren sich für die Dinge hinter den Kulissen und hinterfragen alles, was sie umgibt.

Sie lieben schöne Gegenstände und Accessoires, bemerken auch die kleinen Dinge im Leben und können sich für etwas begeistern, das andere vielleicht noch nicht einmal auf dem Schirm haben. Dabei darf die perfekte Ausrüstung natürlich auf keinen Fall fehlen.

Was fasziniert Menschen an Lost Places?

Die Faszination an Lost Places kommt oft daher, weil die Orte nicht geschönt und daher original, authentisch und echt sind. Vor allem aber ist es das intensive Erlebnis, das man an so einem Ort erfährt. Fast alle, die schon einmal einen Lost Place besucht haben, kennen diese besondere Atmosphäre, die einen gleich umgibt, sobald man ihn betritt.

Lost Places sind Sehnsuchtsorte. Die Stimmung, die solche Orte in uns auslösen, ist eine gute Mischung aus Entschleunigung, Entspannung und Ruhe. Wir lassen unseren Alltag hinter uns und betreten eine unwirkliche, surreale Welt. Dort entdecken wir die Spuren der Vergangenheit.

Unsere Fantasie wird angeregt und in unserem Kopfkino stellen wir uns vor, wie es hier einmal ausgesehen haben muss. Solche Gedanken sind ideale Voraussetzungen dafür, kreativ zu werden. Wir beginnen nämlich, die Umgebung genauer wahrzunehmen und zu betrachten.

Wie kann man eine Tour bei Ihnen buchen?

Die Teilnehmerzahlen auf den Fototouren sind streng begrenzt. Wir wollen uns ja schließlich nicht gegenseitig fotografieren. Daher muss man vor der Tour ein Ticket auf unserer Webseite buchen.

Danach erhält man eine ausführliche Anfahrtsbeschreibung, exakt ausgearbeitete Gebäudegrundrisse und Geländepläne sowie Motivübersichten. Das Infomaterial umfasst auch Übernachtungstipps in der Region und Tipps für weitere Freizeitaktivitäten und schöne Fotospots der Umgebung.

go2know-Gründer

Andreas Böttger (48), ist einer der zwei Gründer von go2know. Gemeinsam mit seinem Kollegen und langjährigen Schulfreund Thilo Wiebers gründete er das Unternehmen im Jahr 2010. Andreas Böttger wurde 1975 in Templin geboren und wuchs in Berlin auf.

Er studierte Digitale Medien und ging währenddessen vermehrt seinem Hobby des „Urban Exploring“ nach. Dabei erkundete er geheime Orte und erforschte deren Hintergründe und Geschichten, woraus ein umfangreiches Archiv entstand. Mit seinen Lost-Place-Touren teilt er seine Begeisterung und Leidenschaft für verlassene Orte mit anderen Fotobegeisterten.

www.go2know.de